TITLE In der Summe sind’s Lieder

CATEGORY Writings, Prose


I

In der Summe sind’s Lieder

Das Richtige hat man nicht, man improvisiert.

Das Falsche wird zum Notwendigen.

Das Notwendige ist dann das einzig Richtige,

nur weil man es hat.

Herta Müller, Atemschaukel

Diese Geschichte ist ein Puzzle, bei der einige Teile mit der Aufschrift “Verbindung” fehlen. Also bastel ist einfach ein paar Neue.

Das die Teile fehlen, hat Gründe. Es gingen Dinge und Menschen — und dann Teile von Menschen verloren. Sie gingen verloren in entsetzlichen Kämpfen, in Schreien, die niemand hörte, oder hören wollte, und die schließlich in irgendeinem trüben Gewässer, in stillstem Kummer versiegten. Sie fanden sich ein, in dem für sie angemessenen Aggregatzustand, irgendwo zwischen Werden und Vergehen. Die Verluste wurden schweigend zur Kenntnis genommen. Sie hinterließen Löcher im Bild, in der Haut, in den Gedanken, im Zeitgewand des Daseins. Und: in der Liebe von Generationen.

Niemand machte sich die Mühe oder brachte den Mut auf, die leeren Stellen im Gewand zu reparieren. Also nehme ich Papier und Stift, wie Nadel und Faden und allerlei Materialgelage, das ich finden kann — und flechte die vergangene Gegenwart neu zusammen. Man braucht eine Haut, die nicht erst gestern verheilt ist.

Ich flechte die Gedanken der Geschichte, wie Gras. — Wenn das Gras das Haar deiner Mutter wäre. — Ich durfte das Haar meiner Mutter nie berühren. Nur ein einziges Mal, für einen kurzen Moment, ließ sie mich so nah kommen. Ihr Kopf war warm und weich. Und obwohl ich selbst noch ein Kind war, empfand ich ihn als so unschuldig, wie den Kopf eines Kindes. Sie war friedlich in diesem Moment. Sie ließ eine Berührung zu. Und meine Hände waren vor Ehrfurcht noch leiser, als sie es ohnehin schon waren. Ich sehnte mich nach dieser Zartheit, ein währendes Leben lang.

Ich schaue durch das Kaleidoskop der Existenz, aus sicherer Entfernung die Splitter der Wahrnehmung an. Fragmente einer langsam erlöschenden Ferne, in deren Details ich mich verliere und deren Realität ich drehe, bis Licht auf die Dunkelheit strahlt. Wenn man einmal das Gewebe des Daseins durchdrungen hat, fächert sich die Welt so oder so vor einem auf—bricht: in eine unbeirrbare Anzahl an Einzelteilen. Bricht die diesseitige Welt in Feinheiten unzählbar differenzierter Weiten von Farben, Formen und Tönen in Zwischentönen.

Entbehrung erhöht die Wahrnehmung. Es braucht eine angemessene Entfernung den leeren Begriffen zu begegnen, die einheilen müssen in die Zeit. Verzeihen Sie deshalb, wenn ich in den Texten einige Pausen nehme. Sie dienen mir als Ort der Erholung und der bitter nötigen Entladung.

Was immer auch nachklingt —

II

Vergiss’ mein Nicht.

Ich mag mich nicht erinnern, mag meinen Zerfall nicht buchstabieren. Mag um meinen Zufall oder meine Bestimmtheit in der Welt nicht wissen. Ich will vergessen, wer ich nicht gewesen bin. Aber auch mein Vergessen wollen, will erinnert werden. Wie soll ich einem Leben begegnen, das nicht statt gefunden hat?

Zähle die Mandeln

zähle, was bitter war und dich wachhielt,

zähle mich dazu.

Paul Celan, Zähle die Mandeln


Mutter, warum weinst du schon wieder? Warum verlässt du die Heimat, die du mir sein sollst? Warum sagst du, du kommst nicht wieder? Warum schickst du mich weg? Warum überschwemmst du mein Leben mit deinen Wassern? Siehst du denn nicht? Ich bin ein Kind. Ich kann deine Meere nicht halten. Warum wirfst du dich mit den Fluten deiner schwersten Stunden in mein Bett? Ich kann nicht schlafen. Ich muss ständig auf das Ungewisse aufpassen—und ich weiß nicht—worauf soll ich achten? Entziehst du dich gerade—oder strömst du über alles herein? Bist du Ebbe–oder Flut?

Begreifst du denn nicht? Ich will auch jemand werden. Will lebendig sein und einen eigenen Körper haben und eine Luft, die ich atmen kann. Aber jetzt bin ich in all deinen Tränen ein Fisch geworden, der an Land nichts mehr zu suchen hat. Der träumt von einem zu Hause unter den Menschen. So ein Mensch, der schon in mir angelegt war, wie eine zarte Skizze. Einer von diesen Menschen, die da laufen, auf zwei Beinen und zählen fünf Finger an jeder Hand, mit der sie nach ganzen Dingen greifen, die ihnen—nicht wie mir: ständig entgleiten. Alles an mir ist ja nass von dir und überströmt von deinen Notwendigkeiten. Benebelt von deiner Anwesenheit, in der du gar nicht vorkommst.

Wer hätte ich werden können, ohne in den ungelebten Vergangenheiten deiner Vergangenheiten zu ersticken? Und in welche Zukunft soll mich eine solche Frage führen? In der sich mir andauernd überwerfenden Leere deiner Gezeiten, ließ sich ja nicht einmal eine Gegenwart erreichen.

Nicht einmal zum Einatmen hat es in deiner Athmosphäre gereicht. Jedes deiner Zimmer, jedes Zelt deiner Kleider, jedes Brot von dir, war in Entfernung getaucht, aus der deine Bedürftigkeit nach mir griff, wie der Tod nach dem Leben.

Ich spreche — und ich weiß wovon ich rede. Wir setzen uns ja bloß zusammen aus Knochengerät und absurden Gebärden.

Ich möchte mich weigern von dir zu erzählen. Ich möchte der Wirklichkeit ausweichen, in dem selben Maße, in dem es mich nach ihr und dir verlangt, durch die ich dieses Leben ja bekommen habe. Du, mit der ja all meine Wirklichkeit beginnt. Ich möchte dich nicht als tragende Bedeutung, als eine unabdingabare Tatsache meiner Existenz wissen. Ich möchte mich dir verweigern, mit meinem ganzen Wesen.

Meine Mutter konnte meine Suche nach Nähe nicht ertragen. Aber ihre — zwang sie mir auf. Und welche Wahl hätte ich gehabt, als sie zu nehmen?

Jeden Versuch mich ihr zu nähern erstickte sie im Keim. Mit einem Schrei, mit einer abwehrenden Geste, mit einem abwertenden Wort, oder vielen. Sie war wie ein Schrecken, um den man kreist, den man nicht noch weiter in die Isolation des Verdrängens ängstigen will — aber von dem man sich nähren muss, natalitäts-bedingt, menschennatur-bedingt. In die erbarmungslose Abhängigkeit unisverseller Prinzipien genäht. Am Faden der Nabelschnur entlag, in das Grundwort der Beziehung gewebt. Ich–Du.

Mama? Es tut mir leid, dass wir so beginnen müssen. Aber es ist Zeit, dass ich etwas neu einordne. Und manchmal muss man dafür die Gänge der Erinnerung zurück gehen. Man geht zurück, um zu sehen, wo man abgebogen ist. Um den Weg zu verstehen, den man gegangen ist. Man geht zurück, um zu verstehen, wo man jetzt steht.

Es gibt für diesen Weg keine Alternative, wenn ich die Dinge zurück in ihre Ordnung führen will. Deshalb laufe ich hinab, mit dem Faden in der Hand, das ganze Rückgrat des Lebens hinab. Bis ich irgendwann dastehe, mit unglaublich langem Stoff überzogen. Und nenne es “eine eigene Geschichte”.

Ich betrete ständig neue Gänge in die Gegenwart —

von der aus ich nicht weiß, wie es weiter geht.

Gerade jetzt weiß ich nur, das ich so tue, als würde ich mit dir sprechen, obwohl ich über dich schreibe. Vielleicht, weil ich genau das nie tun konnte. Mir Raum machen, für das was mir wichtig ist, mit dir in eine Beziehung treten, in der ich mich frei ausdrücken kann —

III

An den Rändern des Schweigens

— suche ich dich
— spreche ich dich an
— schreibe ich weiter
bis die Geschichte nicht mehr von dir handelt,
sondern von mir, die ich durch sie geworden bin.



Vielleicht ist das meine Art, dich gehen zu lassen.
Indem ich bleibe.